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Dead End: OS/2 — Der fast-Sieger

Zusammenfassung

OS/2 war technisch besser als Windows. Das ist keine umstrittene These — es ist der Konsens der Zeitgenossen und der Historiker. Es war stabiler, sicherer, echter Multitasking auf Consumer-Hardware. Und es verlor trotzdem vollständig. Die Geschichte von OS/2 ist eine Lehrstunde darüber, dass technische Überlegenheit in Plattformwettbewerben oft das schwächste Argument ist.

Die Partnerschaft: IBM und Microsoft, 1987

1981 hatte IBM den Fehler gemacht, Microsoft die Kontrolle über das Betriebssystem des IBM PC zu überlassen. MS-DOS war IBMs Produkt — aber Microsoft behielt die Lizenzrechte und durfte es an jeden verkaufen. Compaq baute IBM-kompatible PCs. Microsoft lizenzierte MS-DOS an Compaq. IBM verlor die Kontrolle über seinen eigenen Standard.

1987 wollte IBM diesen Fehler korrigieren. Mit OS/2 sollte das nächste PC-Betriebssystem unter IBMs Kontrolle stehen. Microsoft war als Partner eingeladen — aber diesmal mit klar definierter Rolle.

OS/2 Version 1.0 (1987) lief im Protected Mode des Intel 286 — der echten Speichertrennung zwischen Prozessen. MS-DOS lief im Real Mode: alle Programme teilten denselben Adressraum, ein Absturz konnte das gesamte System mitreißen. OS/2 war architektonisch sicherer.

Das Problem: Version 1.0 hatte keine grafische Oberfläche. Die Presentation Manager (PM) — OS/2s GUI — kam erst mit Version 1.1 (1988). Sie war komplex zu entwickeln für, schlecht dokumentiert, und verlangte mehr Hardware als die meisten Nutzer besaßen.

Die Trennung: Microsoft setzt auf Windows

Hinter den Kulissen wuchs eine Spannung, die Microsoft 1990 aufzulösen entschied.

Windows 3.0 (1990) war MS-DOS mit einer grafischen Schale. Es lief im Real Mode, hatte keine echte Prozesstrennung, war technisch inferior zu OS/2. Und es verkaufte sich phänomenal. Windows 3.0 verkaufte sich zwei Millionen Mal in den ersten sechs Monaten — vier Millionen im ersten Jahr.

Microsoft erkannte: Nutzer wollten eine GUI, keine technische Architektur. Windows gab ihnen eine GUI auf Hardware, die sie bereits besaßen. OS/2 verlangte mehr RAM, mehr CPU, mehr Geld.

1990 zog Microsoft die Konsequenz. Das OS/2-Entwicklungsteam unter Dave Cutler wurde auf Windows NT umgelenkt — ein neues Betriebssystem mit echter Architektur, aber Windows-Oberfläche. Die Partnerschaft mit IBM kühlte ab. Offiziell endete sie 1992.

IBM stand mit OS/2 allein.

OS/2 Warp: Der letzte Versuch

IBM gab nicht auf. OS/2 Warp 3 (1994) war ein echter Effort, den Consumer-Markt zu gewinnen. IBM kaufte Fernsehwerbung und fuhr 1994 eine große TV-Kampagne (“It’s a Warped World”), die Warp als consumer-freundliches Betriebssystem positionierte. IBM baute einen eigenen Internet-Service (IBM Internet Connection) in das Betriebssystem ein, bevor Windows das tat.

Warp war gut. Stabiler als Windows 3.1, echtes Multitasking, Schutz gegen Absturzkaskaden. Entwickler lobten die Architektur. In bestimmten Nischen — Bankautomaten, Kassensysteme, Kiosk-Terminals — blieb OS/2 jahrzehntelang dominierend. Geldautomaten in vielen Teilen der Welt liefen noch 2010 auf OS/2.

Aber Windows 95 (1995) machte OS/2 auf dem Consumer-Desktop obsolet. Windows 95 brachte ein 32-Bit-System (für die meisten Anwendungen), eine überarbeitete GUI, und Microsofts gesamtes Vertriebsnetzwerk. Vor allem: Windows 95 ließ MS-DOS-Programme laufen. OS/2 konnte das auch — aber Nutzer wussten das nicht, und die Kompatibilitätsgeschichte war kompliziert.

Warnung

Die Anwendungs-Todesfalle:

OS/2 litt am klassischen Henne-Ei-Problem jeder Plattform. Nutzer kauften OS/2 nicht, weil es zu wenige Anwendungen gab. Entwickler schrieben keine OS/2-Anwendungen, weil es zu wenige Nutzer gab. Microsoft verschärfte dieses Problem aktiv: Entwickler, die in Microsofts Programmen waren, erhielten Windows-Entwicklertools früh, OS/2-Tools spät. Die technische Überlegenheit von OS/2 half nichts, solange Lotus 1-2-3, WordPerfect und die meisten Business-Anwendungen primär für DOS und Windows entwickelt wurden.

IBM versuchte, Win-OS/2 als Lösung zu vermarkten: ein Windows-Kompatibilitätslayer, der Windows-3.1-Anwendungen in einer VM ausführte. Das funktionierte — aber es bestätigte Windows als den eigentlichen Standard. Wer Windows-Anwendungen brauchte, brauchte letztlich Windows.

Das technische Erbe

OS/2 verschwand als Consumer-Produkt. Aber seine technischen Konzepte überlebten auf Umwegen.

Dave Cutlers Team bei Microsoft nutzte Konzepte aus der OS/2-Entwicklung für Windows NT (1993) — das Betriebssystem, das die NT-Linie begründete, aus der Windows XP, Windows 7, Windows 10 und Windows 11 stammen. OS/2s architektonische DNA lebt im modernen Windows.

eComStation (2001) und ArcaOS (2017) setzten OS/2 unter anderem Branding fort — lizenziert von IBM, gepflegt von kleinen Unternehmen, genutzt von Nischen-Anwendern und industriellen Systemen. ArcaOS wird aktiv weiterentwickelt und unterstützt moderne Hardware.

Die eigentliche Lektion: OS/2 scheiterte nicht an schlechter Technik. Es scheiterte an schlechtem Marketing, an einem zu teuren Vertriebskanal, an der Entscheidung von Microsoft, das Abkommen aufzulösen, und am Windows-95-Momentum. Plattformwettbewerbe werden durch Netzwerkeffekte entschieden — wer zuerst kritische Masse erreicht, gewinnt, unabhängig von technischer Überlegenheit.

📚 Sources